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Politik ist mehr als ein Name
Statement zur Umbenennung des Berliner CSD in Stonewall

In zwei Mitgliederversammlungen 2014 entschied der Berliner CSD e.V. die Veranstaltungen
zum Christopher Street Day ab diesem Jahr als Stonewall Berlin zu benennen. Mittlerweile
wurde STONEWALL als Marke angemeldet.
Wir begrüßen den Wunsch des Berliner CSDs, „mehr Wert auf politische Inhalte“ zu legen.
Wir denken allerdings, dass dies über andere Wege als eine Umbenennung der Parade
stattfinden muss. Eine Umbenennung der Parade ändert nichts an der Kommerzialisierung,
die über die letzten Jahrzehnte hinweg stattgefunden hat. Sie ändert auch nichts daran, dass
es für viele ein reines Party-Event darstellt.

„Stonewall was a police riot“
Stonewall war ein Aufstand gegen rassistische, trans*diskriminierende, klassistische und
homophobe Polizeigewalt. Bei Stonewall waren vor allem Trans*, Drag Queens, LSBTI of
Color und Sexarbeiter_innen beteiligt. Stonewall war ein Straßenkampf, in dem es nicht nur
um die Anerkennung von gleichen Rechten ging, sondern ein radikales Zur-Wehr-Setzen
gegen alltägliche Gewalt. Bei Stonewall ging es um Mehrfachzugehörigkeiten und
Mehrfachdiskriminierungserfahrungen. Wer sich den Begriff Stonewall zu eigen macht, muss
an diese Geschichte anknüpfen.
Um den Namen „Stonewall“ zu tragen, müsste der Berliner CSD sich unserer Ansicht nach
mit den eigenen rassistischen, klassistischen und trans*diskriminierenden Ausschlüssen
auseinandersetzen, sich gegen Polizeigewalt engagieren, sich mit Mehrfachdiskriminierung
beschäftigen und bereit sein, dafür auch auf die Straße zu gehen – an mehr als einem Tag im
Jahr. Ein Engagement gegen Homophobie und Trans*diskriminierung ist ohne eine
antirassistische und antiklassistische Perspektive und Praxis überflüssig. Wenn sich der
Berliner CSD in Stonewall Parade umbenennt, ohne sich auf diese politischen Kämpfe zu
beziehen, dann wird ein weiteres Mal Stonewall als Geburtstunde der Lesben- und
Schwulenbewegung vereinnahmt.

Was wäre ein neue Stonewall-Bewegung?
Stonewall steht für Überlebensstrategien und für kollektives Empowerment. Eine solche
Bewegung kommt von der Basis und setzt sich gegen alltäglichen Rassismus und Klassismus
zur Wehr. Eine solche Bewegung engagiert sich für ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt
und Diskriminierung.
Eine aktuelle Stonewall-Bewegung würde sich um die Belange von LSBTI-Refugees kümmern,
wie zum Beispiel Patras Bwansi, ein Aktivist aus Uganda, der dorthin abgeschoben werden
soll. Eine Stonewall-Bewegung führt die Kämpfe vor Ort statt auf die schrecklichen Zustände
woanders zu verweisen.
Eine aktuelle Stonewall-Bewegung stellt das T* und das I* in LSBTI in den Mittelpunkt. Es
reicht nicht aus Trans* und Inter* nur mitzubenennen, aber nie wirklich mitzumeinen. Eine
Stonewall-Bewegung setzt sich gegen die Pathologisierung von Trans* ein und engagiert sich
gegen die Zwangsoperationen an Inter*.
Eine Stonewall-Bewegung ist mehrdimensional und gesellschaftskritisch. Sie engagiert sich
gegen alltägliche Gewalt und Diskriminierung und stellt die Lebensrealitäten von
Mehrfachzugehörigen in den Mittelpunkt.

Hier gibt es das Statement als pdf.

Quelle: http://www.lesmigras.de