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Rassismus im Verlagswesen


Als Lesbenberatung / LesMigraS haben wir im vergangenen Jahr dem Verlag Kunstmann zwei Bücher über Depression zurückgeschickt, weil die Bücher in Wortwahl und Sprachgebrauch Rassismen reproduzieren.

Wir finden es diskriminierend gegenüber Schwarzen Menschen und People of Color, wenn die Farbe schwarz und Dunkelheit als Symbolbilder für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden. So wird in den von Kunstmann herausgegebenen Büchern Depression in Form eines schwarzen Hundes symbolisiert, der besiegt und an die Leine gelegt werden muss. Damit wird Schwarzsein erneut mit negativen Aspekten verbunden und suggeriert, dass Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muss.

Die vehement ablehnende Reaktion der Verlegerin Antje Kunstmann hat uns zunächst überrascht. Statt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen wird die Verlegerin in ihrem Schreiben persönlich gegen uns beleidigend.

Nachdem wir festgestellt haben, dass im Kunstmann Verlag ebenfalls die Bücher von Axel Hacke erschienen sind, wundern wir uns weniger. Die betreffende Bücherreihe steht seit Jahren in der Kritik (unter anderem vom Braunen Mob e.V.), bezüglich des Gebrauchs eines rassistischen Begriffs im Titel und der Reproduktion rassistischer Inhalte im Buch.

Im Focus-Online-Artikel vom 17.01.2013, welcher die Rassismus-Vorwürfe gegen Hacke1 als absurd abstempelt, wird sich auch auf die Kritik von LesMigraS am Kunstmann-Verlag berufen. Während wir dabei als Beispiel einer Organisation mit „übertriebener, irrationaler Wut“ aufgeführt werden, stellen wir fest, wie wirkungsvoll doch ein einzelner Beschwerdebrief sein kann.

Personen of Color, die Rassismus thematisieren, als irrational und wütend zu bezeichnen, ist eine klassische Abwehrreaktion, die leider immer wieder herangezogen wird, um sich nicht mit der Kritik an rassistischen Verhaltensweisen oder rassistischem Sprachgebrauch auseinandersetzen zu müssen.

In unserer Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit streben wir eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse an. Dabei sind wir immer wieder bemüht mit Einrichtungen, Veranstaltungsorten und Institutionen, in denen Diskriminierungen ausgeübt werden, in einen Dialog zu treten, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen. Unser Beschwerdebrief war ebenfalls ein Angebot zur Auseinandersetzung.

Der Artikel im Focus reproduziert und rechtfertigt diesen rassistischen Sprachgebrauch. Ebenso wird in den letzten Wochen in anderen öffentlichen Medien und Internet-Foren vehement an rassistischen Begriffen festgehalten. Anlass dafür sind die derzeit durchaus positiven Entwicklungen im Verlagswesen.

Immer mehr Verlage entscheiden sich dafür in den Neuausgaben von Kinderbüchern auf diskriminierende Begriffe wie das N-Wort zu verzichten. Nach einem Brief von Mekonnen Mesghena von der Heinrich-Böll-Stiftung an Otfried Preußler hat der Thienemann Verlag zu Beginn des Jahres angekündigt einige Werke zu überarbeiten und damit die aktuelle Debatte ausgelöst. Auch im   Oettinger Verlag und im Esslinger Verlag wurden bereits Ersetzungen einzelner rassistischer Begriffe in Kinderbüchern vorgenommen.

Diese Entwicklungen machen Hoffnung und zeigen, dass eine Veränderung des Sprachgebrauchs im Verlagswesen möglich ist. Wir begrüßen es explizit rassistische Begriffe aus Texten zu streichen und zu ersetzen. Uns geht es jedoch nicht nur um einzelne Begriffe, sondern um die vielfältigen Weisen, in denen Rassismus sich in unserer Sprache wiederfindet. Ob es sich dabei wie im Falle des Kunstmann Verlags um Metaphern, in denen Schwarz mit dem Bösen, Unerwünschtem, Negativem etc. gleichgesetzt wird, handelt oder um rassistische Welt- und Menschenbilder, die durch Sprache hervorgerufen werden. Wir wünschen uns über die Streichung von rassistischen Wörtern und die Überprüfung von Inhalten hinaus eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit kolonialistischen, nationalsozialistischen und rassistischen Traditionen.

Rassismus wirkt auf vielfältigen Ebenen der Gesellschaft. In unserer Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit wissen wir, dass zwischenmenschliche, strukturelle und staatliche Gewalt- und Diskriminierungsformen sich gegenseitig beeinflussen und zusammen angegangen werden müssen. Wir fordern Menschen daher auf sowohl als Einzelpersonen als auch Mitgestalter_innen in Medien, LSBTI- Szenen, Politik und Nachbarschaften sich mit Rassismus, Homophobie und Trans*diskriminierung auseinander zu setzen, Verantwortung für ihren Sprachgebrauch zu übernehmen und Veränderungen umzusetzen.

1 In dem Titel von zwei Büchern von Axel Hacke wird das N-Wort verwendet. Daran gab es immer wieder Kritik, u.a. vom Braunen Mob (http://blog.derbraunemob.info/stoppt-den-weisen-n-wumbaba/).

Quelle: http://www.lesmigras.de