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Was ist Mehrfachdiskriminierung?

Hier gibt es den Einstiegstext als pdf.

Hier gibt es einen vertiefenden Artikel als pdf.

In Leichter Sprache: Wir erklären Mehrfach-Zugehörigkeit und Mehrfach-Benachteiligung


Lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* erfahren Diskriminierung nicht nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Als Person haben sie immer auch eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, eine (oder mehrere) geschlechtliche Identität(en) oder Zugehörigkeiten. Sie gehören zu mehreren gesellschaftlichen Gruppen, sind also mehrfachzugehörig.
Identitäten und Zugehörigkeiten sind fast immer mit Machtverhältnissen in der Gesellschaft verbunden. Anhand dieser Zugehörigkeiten verteilen sich gesellschaftlich Chancen und der Zugang zu Ressourcen, wie Bildung, Arbeit, Wohnraum. Mehrfachzugehörigkeit ist die Perspektive, mit der wir Empowerment-, Anti-Diskriminierungs- und Anti-Gewalt-Arbeit machen. Dabei möchten wir vielfältige Lebensweisen mit ihren spezifischen Erfahrungen, Bedürfnisse und Ressourcen betonen.

Durch die Kombination von verschiedenen Zugehörigkeiten sind lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* häufig von mehreren Diskriminierungen wie Rassismus, Sexismus, Ableism (Diskriminierung aufgrund von Behinderung/ Beeinträchtigung), Altersdiskriminierung, Klassismus (Diskriminierung aufgrund des sozialen Status), Homophobie und Trans*-Diskriminierung betroffen. Sie befinden sich immer an verschiedenen Schnittstellen von Identitäten und Diskriminierungen.
Beispielsweise wird in der Aussage: „In ihrem Kulturkreis hat sie keinen echten Mann gefunden, deswegen ist sie lesbisch geworden!“ eine Person mehrfach diskriminiert. Hier verweben sich mehrere Diskriminierungsverhältnisse wie Rassismus, Homophobie und (Hetero)Sexismus. Sie sind voneinander nicht zu trennen und finden auf mehreren Ebenen statt. Die Gewalt setzt sich aus der Abwertung eines ‚anderen’ Kulturkreises und gleichgeschlechtlicher Lebensrealitäten zusammen. Damit wird Lesbisch-Sein als selbstbestimmte Lebensweise verleugnet und nicht ernst genommen. Diese homophobe rassistische Diskriminierung geschieht aufgrund der tatsächlichen oder vermeintlichen Mehrfachzugehörigkeit. Es ergibt sich eine spezifische Diskriminierungs-Erfahrung, die nicht mit der Diskriminierung vergleichbar ist, die ‚allein’ aus einem einzigen Grund geschieht. Diese spezifische Diskriminierung wird Mehrfachdiskriminierung genannt.
Sie kann sehr verschiedene Formen annehmen, wie zum Beispiel:

  • Körperliche und psychische Gewalt: Beleidigung, Belästigung, Bedrohung, Abwertung, Herabsetzung und ähnliches
  • Ausschluss oder eingeschränkter Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Gesundheitswesen, Rechten
  • Ausschluss oder eingeschränkter Zugang zur politischen und kulturellen Beteiligung
  • Ausschluss aus Literatur, Bildungsmaterialien, Medien oder ausschließlich stereotype, abwertende Darstellung

 

Politische Forderungen und Anti-Diskriminierungs-Arbeit

Es kann notwendig und sinnvoll sein, eine bestimmte Zugehörigkeit in den Vordergrund zu stellen, um Forderungen an die Politik zu erheben und gesellschaftliche Veränderungen zu erzielen. Der Fokus auf eine einzige Zugehörigkeit führt aber meist dazu, dass die Interessen von Mehrfachzugehörigen und ihre spezifischen Diskriminierungs-Erfahrungen ignoriert werden. Einzelne Diskriminierungs-Erfahrungen werden hierarchisiert und gegeneinander ausgespielt: Beispielsweise bei der Behauptung, Homophobie sei schlimmer als Rassismus und deswegen müsse zuerst Homophobie beendet werden. Unser Ziel ist es, sich gegen alle Arten von Gewalt und Diskriminierung einzusetzen. Wir finden es wichtig, in die Anti-Diskriminierungs-Arbeit unterschiedliche Lebensrealitäten lesbischer, bisexueller, Trans*- und Inter*-Lebensweisen wie Migrationshintergrund, soziale Herkunft, Alter, Hautfarbe, sozialer Status, Beeinträchtigung miteinzubeziehen. Wir wollen, dass Mehrfachzugehörige die Möglichkeit haben, ihre ganze Persönlichkeit zeigen und leben zu können.
Identität kennt kein Entweder – Oder.

Quelle: http://www.lesmigras.de