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LesMigraS-Kampagne zu Gewalt und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans*Menschen in Deutschland

„…nicht so greifbar und doch real“  -
Vorstellung der Ergebnisse der LesMigraS-Studie
zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von lesbischen/bisexuellen Frauen und Trans*

„…nicht so greifbar und doch real“ lautete der Titel der Fachtagung, die am 21.September 2012 in der Berliner Werkstatt der Kulturen stattfand. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Grußworte von Dr. Corinna Mandler Gayer, Referentin für Forschung an der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Emine Demirbüken-Wegner, Staatssekretärin für Gesundheit, sowie Claudia Apfelbacher, Geschäftsleiterin der Lesbenberatung Berlin.

LesMigraS hat im Rahmen der Kampagne zu Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen/bisexuellen Frauen und Trans* eine umfangreiche wissenschaftliche Studie durchgeführt. Darin wurden Daten zu Häufigkeit, Art und Ursache von Gewalt erhoben. Nun liegen die Ergebnisse der quantitativen sowie qualitativen Untersuchung vor. Die Auswertung, Analyse und Dokumentation der Studiendaten erfolgten in Zusammenarbeit mit der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Berücksichtigung fanden dabei insgesamt 2.143 vollständig ausgefüllte Fragebögen. Des Weiteren wurden sechs Intensivinterviews und eine Gruppendiskussion mit Lesben und Trans* of Color geführt. Im Gegensatz zu anderen Studien im deutschsprachigen Raum legte diese Untersuchung besonderes Augenmerk auf die Verknüpfung von Rassismus, Cissexismus / Trans*Diskriminierung und Heterosexismus. María do Mar Castro Varela, Professorin der Alice-Salomon-Hochschule mit dem Schwerpunkt Gender und Queer Studies, präsentierte im ersten Teil der Tagung ausgewählte Ergebnisse der Studie. Eine interessante Beschreibung, die die Untersuchung lieferte, so Castro Varela, bezieht sich auf die Identitätsbeschreibungen innerhalb marginalisierter Gruppen. Auf herkömmliche Zuschreibungen reagierten viele Studienteilnehmer_innen mit Ablehnung und zogen dafür oftmals sehr differenzierte und kreative Selbstbeschreibungen vor. Dies wird z.B. an den Kategorien „Frau“ und „Lesbe“ deutlich. 70,8% der Befragten gaben “lesbisch“ als sexuelle Orientierung an, aber nur 52,9% stimmten der Aussage „ich bin lesbisch“ in Bezug auf die Lebensweise zu. Sehr kritisch wurde auch die Beschreibung „Mensch mit Migrationshintergrund“ betrachtet.
Die präsentierten Daten hinsichtlich Diskriminierungserfahrungen zeigten, dass Abwertung und Beschämungen aufgrund gender-nonkonformen Verhaltens in vielen Fällen von den Betroffenen als „normal“ empfunden werden. Man kann deshalb davon ausgehen, so Prof. Castro Varela, dass multiple Diskriminierung die Gewöhnung an Diskriminierungspraxen mit sich bringt.
Die Präsentation zeigte, dass eine hohe Diskriminierungswahrnehmung in den Bereichen Arbeit und Bildung zu verzeichnen ist. 30,7% der Befragten gaben an, wegen ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz gemobbt worden zu sein. 72,6% der Studienteilnehmenden sind der Meinung, dass ihre Leistungen aufgrund ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise schlechter bewertet wurden. Auch Diskriminierungserfahrugen im Gesundheitsbereich wurden von einer Vielzahl der Befragten gemacht. 20% gaben an, vom medizinischen Fachpersonal respektlos behandelt worden zu sein. Prof. Castro Varela folgert aus diesen Daten, dass entgegen der gegenwärtigen Annahme, dass es in Deutschland keine Diskriminierungen aufgrund lesbischer/bisexueller und Trans*-Lebensweise gebe, die Konfrontation mit diskriminierenden Praxen weiterhin zum Alltag der Betroffenen gehört. Besonders massiv wird die Alltagsdiskriminierung von Personen mit Mehrfachzugehörigkeiten wahrgenommen.
228 Personen füllten den Teil des Fragebogens aus, der sich ausdrücklich an Trans*Personen richtete. Die Aussagen hinsichtlich der Diskriminierung unterschieden sich deutlich je nachdem, ob die Trans*Lebensweise bekannt bzw. sichtbar war oder nicht. Ein Drittel der Befragten gab an, bereits Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht zu haben. Eine besonders hohe Diskriminierungsbelastung wird dem Arbeits- und Ausbildungsbereich sowie auch dem Gesundheitswesen zugeordnet.
Zum Thema Mehrfachdiskriminierung schlussfolgerte Prof. Castro Varela, dass Diskriminierung zunimmt, wenn es sich um Personen handelt, die aufgrund „mehrerer Gründe diskriminiert“ werden. Über die Hälfte der von Mehrfachdiskriminierung Betroffenen sagte aus, dass es ihnen oft schwer fällt, sich zu wehren, da es oft nicht klar ist, aus welchem Grund sie im Einzelfall diskriminiert werden. Die Studiendaten belegen, dass Trans*Personen und People of Color mehr Erfahrungen mit körperlicher Gewalt gemacht haben als der übrige Teil der Befragten. Aus den Ergebnissen der qualitativen Untersuchung kann entnommen werden, erläutere Prof. Castro Varela, dass etablierte Strategien, wie z.B. der Diversitätsansatz, keinerlei positive Auswirkungen auf der Alltagsebene von Betroffenen, insbesondere von Mehrfachzugehörigen, haben.

Zum Themenbereich Unterstützung und Beratung kann festgehalten werden, dass die große Mehrheit der Befragten, 83,5%, im Falle von Diskriminierungserfahrungen Unterstützung bei der Familie, bei Partner_innen oder Freund_innen sucht. Nur 18,1% gaben an, die Dienstleistungen psychosozialer Einrichtungen in Anspruch genommen zu haben. Allerdings haben sich 33,3% an Selbsthilfegruppen gewandt, die oft auf Initiative der Beratungsstellen entstehen. Die Daten der Untersuchung weisen darauf hin, dass sehr spezifische Beratungsangebote gefragt sind; so wandten sich beispielsweise 50% der Trans*Personen an Trans*Beratungsstellen. Des Weiteren wurde kritisiert, dass das Angebot an Beratungsstellen in Wohnortnähe, insbesondere im ländlichen Bereich, mangelhaft ist.

Im zweiten Teil der Fachtagung diskutierte die Empowerment Trainerin Pasquale Virginie Rotter mit Expert_innen über die Ergebnisse der Studie und zukünftige Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis. Vertreten waren neben Prof. Castro Varela und Lisa Thaler von der Alice Salomon Hochschule Lela Lähnemann von der Landesstelle für Gleichbehandlung, Saideh Saadat-Lendle als LesMigraS-Vertreterin, Rubia Salgado von maiz aus Linz / Österreich, Arn Sauer von TransInterQueer e.V. sowie Tuğba Tanyılmaz von  Gladt e.V. Angesprochen wurden neben methodischen Vorgehensweisen zur Datenerhebung sowie der Verknüpfung von wissenschaftlicher Forschung und NGO-Arbeit  auch praktische Erfahrungen aus den jeweiligen Einsatzgebieten, die die präsentierten Daten bestätigten bzw. ergänzten. Deutlich wurde aus dem Gespräch, dass es in den Bereichen Wissenschaft und NGO-Arbeit großen Diskussionsbedarf hinsichtlich theoretischer Konzepte sowie auch Umsetzungsmaßnahmen in der Praxis gibt. Mit einer Fragerunde aus dem Publikum an die Expert_innen endete die Fachtagung.

Die Ergebnisse der qualitativen sowie auch der quantitativen Untersuchung werden von LesMigraS/Lesbenberatung Berlin dokumentiert und im November 2012 der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Zusammenfassung der Studienergebnisse
Hier gibt es die Zusammenfassung der Studie als pdf.
 
Quelle: http://www.lesmigras.de