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Pressemitteilung der Lesbenberatung e.V. Berlin zum Internationalen Tag gegen Homophobie und Trans*diskriminierung 17. Mai 2015


Am 17. Mai wird seit 2005 der „Internationale Tag gegen Homophobie und Trans*diskriminierung”(IDAHO_T) begangen. An diesem Tag wurde 1990 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel gestrichen und nicht länger als Krankheit definiert. Erst 1994 wurde in Deutschland  mit der Abschaffung  des §175 Homosexualität entkriminalisiert.

Auch wenn Homosexualität in Deutschland entpathologisiert und entkriminalisiert wurde, ist das für Trans* Identitäten noch nicht der Fall. Anlässlich von IDAHO_T wollen wir deswegen auf die Situation von Trans* of Color aufmerksam machen.

Gewalt und Diskriminierung gehören immer noch zum Alltag von LSBTI (Lesben, Schwule, Bi, Trans*, Inter*). Ihre Lebensweisen stoßen in Deutschland nach wie vor auf große Inakzeptanz. Trans* of Color sind eine Gruppe innerhalb von LSBTI, welche aufgrund ihrer Mehrfachzugehörigkeit besonders von staatlicher und alltäglicher Diskriminierung betroffen sind. Mehrdimensionale Erfahrungen von Rassismus, Sexismus und Trans*diskriminierung gehören zu ihrem Alltag. Die Diskriminierungen äußern sich in vielerlei Formen: beim Zugang zu Arbeit und Wohnraum, im Gesundheitsbereich und im öffentlichen Raum, durch körperliche und psychische Gewalt und die Verletzung von Grundrechten, beispielsweise durch das Transsexuellengesetz.

Auch in LSBTI Communities und Communities of Color werden solche strukturellen Diskriminierungen oft hineingetragen und reproduziert. Die komplexen Gewalterfahrungen von Trans* of Color werden in der LSBTI-Szene zumeist ausgeblendet. Dass viele der internationalen Ermordeten, denen von verschiedenen Transorganisationen in Deutschland gedacht wird, Trans* of Color sind, die nicht der Mittelschicht angehörten und nicht nur von Trans*diskriminierung betroffen sind, sondern gleichzeitig von alltäglicher rassistischer, sexistischer und ökonomischer Gewalt, wird oft ignoriert. Auch die wichtige Rolle, welche Schwarze Trans* und Trans* of Color in den Kämpfen um Homo- und Transsexuellenrechte, sowohl historisch, als auch aktuell, spielten und spielen, wird immer wieder ausgeblendet. Die so produzierten Ausschlüsse von Trans* of Color und ihrer Perspektiven erschwert es ihnen die LSBTI Communities und Communities of Color als Schutz- bzw. Entfaltungsräume, frei von Diskriminierung, zu nutzen.

Besonders problematisch ist die Lage geflüchteter Trans* of Color, aufgrund des deutschen Asylrechts und der Unterkunftspolitik. In der Praxis wird Asylsuchenden, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität verfolgt werden, meist nicht geglaubt. Während es zunehmend mehr Studien und Informationen zu Lesben und Schwule im Asylverfahren gibt, ist das Wissen über die Anerkennung von Transgeschlechtlichkeit als Asylgrund immer noch rudimentär. Bedrohliche, gewalt- und diskriminierungsvolle Situationen in den Aufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften und damit verbundene Stresssituationen, sowie die Vermittlung eines Gefühls des Unerwünschtseins sind für LSBTI Asylsuchende allgegenwärtig. Viele Einrichtungen der Flüchtlingshilfe und LSBTI-Organisationen fordern explizite Unterstützungsangebote für Trans* und eine Anerkennung als besonders schutzbedürftige Geflüchtete sowie eine diskrimnierungssensible Unterbringung.

Rassismus, Homo- und Trans*diskriminierungen sind keine alleinigen Angelegenheiten der Betroffenen, sondern Diskriminierungsverhältnisse, die gemeinschaftlich und auf gesamtgesellschaftlicher Ebene vorausschauend bekämpft werden müssen. Zum Internationalen Tag gegen Homophobie und Trans*diskriminierung ruft die Lesbenberatung dazu auf, sich innerhalb und außerhalb der Communities aktiv für einen solidarischen und verantwortungsvollen Umgang miteinander einzusetzen, unterschiedliche Gewaltverhältnisse zusammenzudenken, sich gegenseitig zu unterstützen, zu stärken und sich gemeinsam gegen strukturell diskriminierende und gewaltvolle Zustände zu engagieren.


Wie fordern:

  • Die Anerkennung von LSBTI als besonders schutzbedürftige Geflüchtete und eine Asylpolitik, die Sterben auf Fluchtwegen und erneute Gewalt in Zufluchtsländern verhindert.
  • Eine mehrdimensionale Herangehensweise gegenüber jeglicher Form von Gewalt- und Diskriminierungsmechanismen. Damit meinen wir, dass Individuen Diskriminierungen mehrdimensional erfahren können (z.B. Rassismus und Transphobie, Antisemitismus und Homophobie, Diskriminierung aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen und Sexismus) und deshalb zusammen gedacht werden müssen.
  • Die landesweite Aufhebung des Diagnoseschlüssels und der pathologisierenden Stigmatisierung von transsexuellen, transgender, transidenten, polygender und intergeschlechtlichen Menschen. Trans* und Intergeschlechtlichkeit sind weder psychische noch physische Krankheiten, noch Gegenstand einer Diagnose.
  • Fortbildungen und Schulungen zu Homophobie, Trans*diskriminierung, Gewalt und Diskriminierung gegen intergeschlechtliche Menschen in Organisationen und Institutionen (z.B. im medizinischen und psychotherapeutischen Bereich, staatlichen Behörden sowie Ämtern, Schulen, Polizei) und die gesetzliche Verankerung von Antidiskriminierungs- und Antirassismustrainings
  • Die offizielle Erweiterung des „Internationalen Tag gegen Homophobie und Trans*diskriminierung“ auf einen „Internationalen Tag gegen Homophobie, Trans*diskriminierung und Inter*diskriminierung“ (IDAHOT_I)


Seit 30 Jahren existiert die Lesbenberatung Berlin e.V. und arbeitet engagiert gegen homophobe Gewalt und Diskriminierung. Seit 15 Jahren wird verstärkt Beratungsarbeit zu den Themen Trans*diskriminierung und Rassismus angeboten. Seit mehreren Jahren arbeitet LesMigraS, der Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V., daran Rassismus, Homophobie und Trans*diskriminierung zusammenzudenken, Empowerment für LSBTI Menschen anzubieten und Handlungsstrategien gegen rassistische, homophobe und trans*diskriminierende Gewalt und Diskriminierungen zu entwickeln.

Die ganze Pressemitteilung als pdf lesen.

Quelle: http://www.lesmigras.de