Schriftgröße

 

Gewaltrad

Gewaltrad als pdf-Datei

Zwischenmenschliche Gewalt findet immer im Rahmen von struktureller Gewalt statt. Wie und welche Gewalt erlebt wird und welche Ressourcen zum Umgang mit der erlebten Gewalt zur Verfügung stehen, hängt davon ab, wie ich in strukturellen Gewalt- und Diskriminierungsverhältnissen positioniert bin und welchen Zugang ich zu Institutionen habe.



Äußerer Kreis: institutionelle, staatliche und strukturelle Gewalt


Im äußeren Kreis stehen Beispiele für Formen von Gewalt und Diskriminierung, die unsere Gesellschaft prägen. Hier sind Diskriminierungsverhältnisse aufgezählt, wie Rassismus, Trans*diskriminierung, Klassismus. Hier sind auch Institutionen benannt, die diskriminierend strukturiert sind: Polizei, Gesetze. Außerdem sind in der Liste gesellschaftliche Normen enthalten, wie Körpernormen, Familiennormen, Sprache.
All diese Gewaltformen prägen unseren Alltag und unser Leben. Sie bestimmen, in welchen Bereichen eine Person strukturell benachteiligt oder bevorzugt wird. Jede Form von zwischenmenschlicher Gewalt findet immer in diesem Rahmen statt.


Mittlerer Kreis: LSBTIQ-Kontext


Der mittlere Kreis funktioniert wie ein Prisma oder Filter.
In bestimmten (selbst gewählten) Kontexten und Communities finden sich bestimmte Diskriminierungsverhältnisse weniger stark wieder als in der Gesamtgesellschaft. In lesbisch-schwulen-bi-trans*-inter*-queeren Communities gibt es weniger Homophobie. Häufig formen sich bestimmte Communities oder Kontexte, um strukturelle Gewalt zu verringern. Im Bild des Prismas werden bestimmte Gewaltformen gebrochen oder herausgefiltert.
Andere strukturelle Gewaltformen treten auch im LSBTIQ-Kontext auf, wie z.B. Rassismus. Vielleicht haben sie zum Teil andere oder zusätzliche Erscheinungsformen, aber der LSBTIQ-Kontext bietet keinen Schutz vor diesen Diskriminierungsverhältnissen. Im Bild des Prismas werden diese Gewaltformen nicht gefiltert, sondern gehen direkt durch. Andere Diskriminierungsverhältnisse, wie Trans*diskriminierung, sind im LSBTIQ-Kontext verringert, aber treten dennoch auf.
Außerdem gibt es in jedem Kontext spezifische Normen und Ausschlussmechanismen. So gibt es in vielen LSBTIQ Communities bestimmte Normen in Bezug auf Sprache und Aussehen. Es kann spezifische Ausschlussmechanismen geben – je nach Szene – wie Feminitäts- oder Tuntenfeindlichkeit.


Innerer Kreis: Zwischenmenschliche Gewalt


Im inneren Kreis stehen Beispiele für zwischenmenschliche Gewalt. Zwischenmenschliche Gewalt ist jede Form von Gewalt, die von einer Person/ Gruppe gegen eine andere Person/ Gruppe ausgeübt wird. Es gibt allgemeine Formen von Gewalt, wie körperliche oder emotionale Gewalt. Außerdem gibt es Formen zwischenmenschlicher Gewalt, die eng mit Diskriminierung verwoben sind, wie diskriminierende Sprache, Ausbeutung oder Mobbing. Daneben gibt es auch Gewaltformen, die mit spezifischen Diskriminierungen verknüpft sind. So erleben sexualisierte Gewalt vor allem Frauen, Trans*, Inter* und Schwule. Trans*, Inter* und genderqueere Personen sind vor allem davon betroffen, dass das falsche Pronomen verwendet wird.



Zusammenwirken der verschiedenen Kreise


Zwischenmenschliche Gewalt findet immer im Rahmen von struktureller Gewalt statt und ist häufig davon geprägt, in welchem Kontext sie ausgeübt wird.
Wenn beispielsweise eine Trans*Person of Color mit ungesichertem Aufenthaltsstatus Stalking von einer weißen Lesbe mit deutscher Staatsbürgerschaft erlebt, dann findet diese Gewalt im gesellschaftlichen Rahmen von Rassismus und Trans*diskriminierung statt. Es ist eine konkrete Gewaltsituation, die im alltäglichen Erleben von gesellschaftlicher Diskriminierung eingebettet ist. Welche Formen von zwischenmenschlicher Gewalt erlebt werden und wie diese erlebt werden, hängt also davon ab, in welche strukturellen und institutionellen Gewaltverhältnisse diese Situation eingebettet ist.
Das Erleben von Gewalt ist auch davon geprägt, in welchem Kontext sie stattfindet. Im genannten Beispiel ist es wichtig mitzudenken, dass auch im LSBTI-Kontext viel Rassismus und Trans*diskriminierung auftritt. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass der stalkenden weißen deutschen Lesbe mehr geglaubt wird als der Trans* Person of Color. Es kann auch bedeuten, dass die Trans* Person of Color auch vor dem Stalking bereits wenige queere Orte hatte, an der sich die Person wohl und sicher gefühlt hat. Durch das Stalking können sich diese Orte weiter einschränken.
Die Einbettung in strukturelle Gewalt und LSBTI-Kontext bestimmt auch, welche Ressourcen der betroffenen Person zur Verfügung stehen, um mit der erlebten Gewalt umzugehen. Möchte sich die Person beispielsweise an die Polizei wenden oder hat die Person dort bereits diskriminierende Erfahrungen gemacht oder befürchtet, welche zu machen? Welche Erfahrungen hat die Person bereits mit Behörden aufgrund ihres Aufenthaltsstatuses und muss sie mit negativen Konsequenzen für sich rechnen, wenn sie das Stalking thematisiert? Welche Zufluchtsmöglichkeiten hat eine Trans* Person of Color? So gibt es zum Beispiel keine Krisenunterkünfte für Trans* Personen, wohin sich die Person aufgrund von Stalking wenden könnte. Welche Auseinandersetzungen gibt es im LSBTI-Kontext mit Stalking? Welche Kenntnisse gibt es, eine betroffene Person zu unterstützen?

Für eine betroffenenzentrierte und transformative Antigewaltarbeit ist es wichtig, all diese Ebenen mitzudenken. Sie machen deutlich, dass es kein Schema F geben kann, nachdem alle Menschen, die Gewalt und Diskriminierung erlebt haben, unterstützt werden. In der Unterstützung ist es wichtig wahrzunehmen, wie die betroffene Person und die Person, die Gewalt ausübt/ausgeübt hat, in gesellschaftliche Diskriminierungs- und Gewaltverhältnisse verortet sind und in welchem Kontext sich die beiden bewegen, um die Gewalterfahrung angemessen zu verstehen und geeignete Handlungsstrategien zu entwickeln.

Quelle: http://www.lesmigras.de