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Was ist Mehrfachdiskriminierung?

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Lesbische und bisexuelle Frauen und Trans* erfahren Diskriminierung nicht nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Als Person haben sie immer auch eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, eine (oder mehrere) Genderidentität(en). Lesbische und bisexuelle Frauen und Trans* befinden sich somit immer an verschiedenen Schnittstellen von Diskriminierungen. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Mehrfachzugehörigkeit und Mehrfachdiskriminierung.

Identitäten, Kategorien und Machtverhältnisse

Identitäten oder Zugehörigkeiten sind fast immer mit Machtverhältnissen in der Gesellschaft verbunden. Personen sind durch ihre (tatsächliche oder angenommene) Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit bestimmten Privilegien ausgestattet, bzw. Diskriminierungen ausgesetzt. Je nach Kontext kann eine Person sowohl privilegiert als auch benachteiligt sein. Gesellschaftliche Machtverhältnisse können sich auf verschiedenen Ebenen ausdrücken, z.B. strukturell durch Gesetzgebungen und deren Anwendung, institutionell durch Personalpolitik, Lehrpläne oder Arbeitsinhalte, oder in Form zwischenmenschlicher Diskriminierungen und psychischer oder physischer Gewalt.

Politische Forderungen und Anti-Diskriminierungsarbeit
Politisch kann es oftmals notwendig und sinnvoll sein eine bestimmte Zugehörigkeit in den Vordergrund zu stellen, um auf Probleme hinzuweisen und Forderungen zu stellen. Z.B. stellen Migrant_innen-Verbände die ‚Migration’ und das Machtverhältnis ‚Rassismus’ in den Vordergrund, Organisationen der Behindertenbewegung legen einen Fokus auf die Kategorie ‚Behinderung’ und das Machtverhältnis ‚Ableism’.
Die Bildung politischer Gruppen zu denen sich Personen aufgrund ihrer Identität zugehörig fühlen und die aus diesen Gruppen resultierenden politischen Forderungen und Handlungen werden ‚Identitätspolitik’ genannt.

Das Hervorheben einer einzigen Identität oder Zugehörigkeit führt im Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnisse meist dazu – sei es unbewusst oder bewusst –, dass privilegierte Positionen als universaler Maßstab gesetzt werden. Mit einer vermeintlich neutralen Perspektive werden dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziert. Somit entsteht beispielsweise der Anspruch universell für alle Betroffenen zu sprechen, z.B. für „von Gewalt betroffene Frauen“. Hierbei gilt die unausgesprochene Norm: gebildete, heterosexuelle Frauen, die nicht von Rassismen oder gesellschaftlicher Behinderung betroffen sind.

Dies führt zu dem Problem, dass viele Identitäten, die gesellschaftlich benachteiligt sind, in Gruppen und Organisationen, die Antigewalt- oder Antidiskriminierungsarbeit leisten, oft ausgeblendet werden. Politische Forderungen, die vorgeben im Sinne aller Personen zu sein, die einer bestimmten Kategorie zugehören, können dabei den Interessen von Mehrfachzugehörigen zuwiderlaufen. Bspw. wenn im Namen der Bekämpfung von Homophobie Forderungen gestellt werden, welche die eingeschränkten Möglichkeiten in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, weiter verschärfen. Dies geschieht nicht im Interesse von lesbischen oder schwulen Personen, die selbst von den restriktiven Aufenthaltsregelungen in Deutschland betroffen sind - sei es aufgrund der eigenen Migrationsgeschichte,  der Nationalität des_der Partner_in, oder der Familie. Ebenso werden hierbei Zugehörigkeiten gegen-einander ausgespielt, statt gemeinsam gegen Diskriminierungen vorzugehen.

In unserer Arbeit ist es uns daher besonders wichtig, dass wir nicht nur auf ein Merkmal, wie zum Beispiel das Lesbischsein achten, sondern auf die Vielseitigkeit von Identitäten. Durch die Kombination von verschiedenen Merkmalen sind Menschen häufig von verschiedenen Diskriminierungen wie Rassismus, Sexismus, Ableism, Homophobie und Transphobie betroffen. Da wir anerkennen, dass sich diese oft nicht voneinander trennen lassen, sprechen wir von Mehrfachdiskriminierung.

Mehrfachdiskriminierung
Mehrfachdiskriminierung kann unterschiedliche Erfahrungen beschreiben.
Manchmal wird eine Person in unterschiedlichen Situationen aufgrund unterschiedlicher Merkmale diskriminiert. Eine Lesbe of Color kann beispielsweise innerhalb von LSBT Kontexten rassistische Diskriminierung erleben und innerhalb anti-rassistischer Kontexte sexistische Diskriminierung erleben.

Oftmals ist es schwer eine Diskriminierung auf eine alleinige (zugeschriebene oder tatsächliche) Identität oder Kategorie zurückzuführen, da diese zusammenwirken. Beispielsweise bei Beschimpfungen wie: „Sprich gefälligst Deutsch, du scheiß Lesbe“.

Mehrfachdiskriminierung beschreibt daher vor allem spezifische Erfahrungen, die weder mit der Zugehörigkeit zu einer alleinigen noch mit der Addition mehrerer Identitäten/Kategorien gefasst werden kann.

Mehrfachzugehörige und Antidiskriminierungsarbeit
Personen, die sich unterschiedlichen Communities zugehörig fühlen und aufgrund dessen mehrere Diskriminierungen erleben (z.B. Transphobien, Homophobien und Rassismen), bezeichnen wir als Mehrfachzugehörige.

Bei der (Selbst-)Bezeichnung als Mehrfachzugehörige stehen für uns jedoch nicht Diskriminierungserfahrungen im Vordergrund, vielmehr möchten wir vielfältige Identitäten und ihre spezifischen Erfahrungen betonen.

Mehrfachzugehörigkeit
ist die Perspektive, mit der wir Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit betreiben. Identitätspolitik erachten wir als sehr bedeutend, um bestimmte Identitäten und Erfahrungen sichtbar zu machen. Es ist jedoch wichtig, dass Gruppen, die sich um das Merkmal einer Identität politisch organisieren, sich nicht als einheitlich begreifen und damit Machtverhältnisse reproduzieren, sondern als Koalitionen von Personen mit vielfältigen (Mehrfach)Identitäten (vgl. Crenshaw) .  

Unser Ziel ist es, gegen alle Arten von Gewalt und Diskriminierung einzutreten. Wir wollen, dass Mehrfachzugehörige die Möglichkeit haben, ihre ganze Persönlichkeit zeigen und leben zu können.

Identität kennt kein Entweder – Oder.


Arbeiten Sie im Antidiskriminierungsbereich und möchten Sie sich näher mit dem Thema Mehrfachdiskriminierung auseinandersetzen?

Erste Fragen zur Reflexion:

  • Was hat Mehrfachdiskriminierung mit meiner Arbeit zu tun?
  • Zu welchen Themen/Kategorien/Identitäten arbeite ich und warum?
  • Gibt es in meiner Antidiskriminierungsarbeit und in meinen politischen Forderungen unreflektiert Normen, die gesetzt werden?
  • Sind Mehrfachzugehörige in der Arbeit präsent?
  • Werden Belange von Mehrfachzugehörigen durch meine Arbeit vertreten?

LesMigraS möchte im Rahmen der Kampagne zu Gewalt und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans*Menschen eine offene Auseinandersetzung mit Mehrfachdiskriminierung und eine langfristige Veränderung diskriminierender Strukturen (auch im Antidiskriminierungsbereich) anregen.

Dabei möchten wir die enge Zusammenarbeit und Solidarität zwischen verschiedenen von Diskriminierung betroffenen Gruppierungen und Communities stärken.

Wir bieten u.a.:

  • Studie und Kampagne zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von LBT*
  • Fortbildungen zu Mehrfachzugehörigkeit, Mehrfachdiskriminierung, AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz)
  • Kooperation bei der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen im Bereich Mehrfachdiskriminierung
  • Erfassung von Diskriminierungsfällen

 

Quelle: http://www.lesmigras.de